| Kaiserreich
Die Freikörperkultur entsteht um 1900 im Kontext der Lebensreformbewegung,
die eine Erneuerung der gesamten Lebensführung (Ernährung,
Kleidung, Wohnung, Gesundheits- und Körperpflege) anstrebt.
In Anknüpfung an medizinisch-naturheilkundliche Konzepte, die
seit Ende des 18. Jahrhunderts dem unbekleideten "Baden in
Licht, Luft und Sonne" eine besondere gesundheitsfördernde
Wirkung zuschreiben, wird der nackte Körper als "natürlichster"
Ausdruck der Körperlichkeit, "wiederentdeckt". Die
Verfechter der Nacktkultur (der Begriff Freikörperkultur wird
erst nach dem 1. Weltkrieg gebräuchlich) werten Nacktheit zur
eigentlichen sittlichen und "natürlichen" Lebensweise
auf. Den Vorwurf ihrer Gegner, gegen Moral und "gute Sitten"
zu verstoßen, kehren sie damit offensiv um. Praktizierte Nacktheit
propagieren sie als Mittel der "Befreiung" von einer "krankmachenden"
Lebensweise in einer "kranken" Gesellschaft. Nacktkultur
versteht sich als ein umfassendes gesellschaftspolitisches Konzept,
das Gesellschaftsveränderung durch Selbstreform anstrebt. Bestandteile
der Nacktkulturideologie sind die Verpflichtung zu einer "naturgemäßen"
Lebensweise (Vegetarismus, Abstinenz, Mäßigung) und eugenische
und rassenhygienische Vorstellungen zur "Formung eines gesunden
Volkskörpers". In der Praxis wird Nacktkultur größtenteils
nach Geschlechtern getrennt und nicht völlig entblößt
betrieben - Männer tragen die "Sonnenbadehose", Frauen
das "Luftbadekleid". Nur in wenigen Vereinigungen wird
der radikale Schritt zur gemeinsamen Nacktheit beider Geschlechter
getan.
Weimarer
Republik
Seit Beginn der Weimarer Republik kann die FKK-Bewegung zunehmend
offensiv agieren. Zahlreiche Vereine entstehen, die das gesamte
politische Spektrum der Weimarer Republik widerspiegeln und unterschiedliche
Konzeptionen von FKK verfechten. Eine umfangreiche Publizistik propagiert,
von Verboten und Zensur weitgehend unbehelligt, die Ziele der Freikörperkultur.
FKK wird zu einer Massenbewegung, die am Ende der Republik circa
100.000 organisierte Anhänger zählt. Neben reichsweiten
FKK-Verbänden mit ihren Ortsgruppen und den lokalen Vereinen
entsteht eine touristische Infrastruktur, die auch nicht organisierten
FKK-Anhängern Möglichkeiten für Freizeit- und Urlaubsaufenthalte
im "Lichtkleid" bietet.
Nationalsozialismus
Nach der Machtübernahme der Nazis wird die FKK-Bewegung per
Erlaß nominell verboten. Das Verbot trifft in aller Härte
die proletarischen FKK-Vereine. Die meisten bürgerlichen FKK-Vereine
wählen den Weg der freiwilligen Selbstgleichschaltung: Nach
Ausschluß derjenigen Mitglieder, die fortan als "Nicht-Arier"
und/oder als politische Gegner des Nationalsozialismus gelten, schließen
sie sich im "Kampfring für völkische Freikörperkultur"
(ab 1934 "Bund für Leibeszucht") zusammen. Ideologisch
betont der "Bund" von Anfang an seinen besonderen Beitrag
für die "rassische, gesundheitliche und sittliche Hebung
der Volkskraft". Aber erst mit der verstärkten Aufmerksamkeit
für Körperertüchtigung im Zusammenhang mit der angestrebten
"Wehrhaftmachung" des deutschen Volkes ab 1935 wird FKK
zunehmend durch staatliche und parteiamtliche Stellen anerkannt
und gefördert. Besondere Unterstützung und Wertschätzung
erfährt die FKK durch die SS, die auf persönliche Initiative
Himmlers die Weiterarbeit des "Bunds für Leibeszucht"
bis zum Frühjahr 1945 ermöglicht.
Deutschland
West (BRD)
Nach dem Verbot des "Bunds für Leibeszucht" durch
die Alliierten werden in den westlichen Besatzungszonen FKK-Vereine
ab 1946 nach und nach wieder zugelassen. In den ersten Jahren der
BRD verbleibt die FKK im gesellschaftlichen Abseits. Das repressive
Klima der "Ära Adenauer" äußert sich unter
anderem im rigorosen Kampf gegen "Schmutz und Schund"
und jede Form von Nacktheit. Erst mit dem fundamentalen Wandel im
Umgang mit Nacktheit in Medien und Alltagspraxis gewinnt FKK ab
Mitte der 60er Jahre eine bislang ungeahnte gesellschaftliche Akzeptanz.
FKK wird nun zu einer unorganisierten Massenbewegung. Sie wird zunehmend
nicht nur als Urlaubsvergnügen praktiziert, sondern erobert
sich als sommerliche Freizeitbetätigung zunehmend Räume
in den Naherholungsgebieten und städtischen Grünanlagen
jenseits der für FKK freigegebenen Gelände. In der organisierten
FKK-Bewegung werden die lebensreformerischen Positionen des alten
Nudismus weitgehend marginalisiert. Die Vorstellungen von FKK als
einer umfassenden Lebensweise mit kultur- und gesellschaftspolitischen
Zielsetzungen werden durch ein Selbstverständnis als "gesundes",
gemeinschaftsförderndes Freizeitvergnügen zur Familienerholung
und sportlichen Betätigung ohne weiterreichenden Anspruch ersetzt.
Deutschland
Ost (DDR)
In der DDR entwickelt sich FKK zu einer Massenbewegung, die alle
Altersgruppen und Bevölkerungsschichten umfaßt. FKK ist
an dafür freigegebenen Badestellen erlaubt, die Bildung von
FKK-Vereinen bleibt hingegen verboten. Schon seit den 50er Jahren
breitet sich FKK auch jenseits der freigegebenen Gelände aus.
Anfänglich immer wieder behindert, zum Teil auch strafrechtlich
belangt, werden die "wilden" FKK-Anhänger schließlich
geduldet, zahlreiche "wilde" Badeplätze legalisiert.
Mit dem Verblassen tradierter bürgerlicher Moralvorstellungen,
insbesondere in Fragen der Sexualmoral, wird FKK ab Mitte der 60er
Jahre für viele Bürgerinnen und Bürger zu einem selbstverständlichen
Bestandteil ihrer Freizeitkultur. Ende der 80er Jahre zeigt sich
an den meisten Badestellen ein äußerst uneinheitliches
Bild. Jeder und jede badet so, wie er und sie es will und für
richtig hält, nackt oder in Badekleidung.
Heute
Heute gehört FKK zum sommerlichen Alltag nicht nur an vielen
Badestellen, sondern auch in den innerstädtischen öffentlichen
Parks und Schwimmbädern. Die Inbesitznahme öffentlicher
Räume durch die Nackten wird in den Medien zwar in jeder Saison
kontrovers diskutiert, aber ernstlich Anstoß wird nicht mehr
genommen. Im Gegensatz zur "verhüllten Gesellschaft"
des Kaiserreichs, in der Nacktheit in jeder Form als Schamlosigkeit
und sittliche Gefährdung betrachtet wurde, hat FKK heute alles
Skandalöse verloren.
Die
INF definierte Naturismus auf ihrem Weltkongress 1974 so:
"Naturismus
ist eine Lebensart in Harmonie mit der Natur. Sie kommt zum Ausdruck
in der gemeinschaftlichen Nacktheit, verbunden mit Selbstachtung,
sowie Respektierung der Andersdenkenden und der Umwelt. Gemeinschaftliche
Nacktheit ist ein essentielles Kennzeichen des Naturismus, der die
Naturelemente Sonne, Luft und Wasser völlig auswertet. Der
Naturismus stellt das physische und psychische Gleichgewicht wieder
her, indem er Erholung in einer natürlichen Umgebung bringt,
durch Bewegung und Respekt für die Grundprinzipien von Gesundheits-
und Ernährungslehre. Der Naturismus fördert viele Aktivitäten,
die die Kreativität entwickeln. Völlige Nacktheit ist
der geeignetste "Anzug", um eine Rückkehr zur Natur
zu verwirklichen und ist mit Sicherheit der sichtbarste Aspekt des
Naturismus, auch wenn sie nicht der einzige ist. Sie hat eine ausgleichende
Wirkung auf Menschen, indem sie sie von Spannungen befreit, die
durch Tabus und Provokationen der heutigen Gesellschaft verursacht
sind, und den Weg zu einer einfacheren, gesunderen und menschlicheren
Lebensweise zeigt."
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